Lebensbilder von fremden Welten: Formen, Farben und Strategien jenseits der Erde
Schon als Kind stand ich mit staubigen Stiefeln vor einem Glas Aquarium und fragte mich, wie anders Leben aussehen könnte, wenn die Regeln des Planeten anders wären. Diese Neugier hat mich nie ganz verlassen; sie treibt mich in Museen, in Feldstudien und an den Schreibtisch, wenn ich lese, was Astrobiologen und Ökologen über mögliche Lebensformen denken. Der folgende Text erkundet, wie Pflanzen- und Tieräquivalente auf fremden Himmelskörpern gebaut sein könnten und welche Prinzipien ihr Erscheinungsbild bestimmen.
Warum Leben nicht zwangsläufig wie auf der Erde aussieht
Leben ist an physikalische und chemische Rahmenbedingungen gebunden; Temperatur, Schwerkraft, Zusammensetzung der Atmosphäre und das Spektrum des Sternenlichts prägen Organismen. Diese Parameter variieren von Planet zu Planet so stark, dass bekannte biologische Lösungen oft unbrauchbar oder suboptimal wären. Daraus folgt nicht, dass Leben zwangsläufig exotisch ist, aber die Bandbreite möglicher Formen ist enorm.
Auf der Erde sehen wir viele wiederkehrende Prinzipien: Energieaufnahme, Stoffwechsel, Fortpflanzung und Informationsweitergabe. Solche Grundfunktionen müssen auch anderswo erfüllt werden, doch die konkreten Umsetzungen – etwa welches Pigment Licht einfängt oder wie Bewegungen erzeugt werden – können stark abweichen. Deshalb lohnt sich das Nachdenken in Kategorien: Bausteine, Energiemechanismen, Sensorik und Ökologie.
Bausteine des Lebens und mögliche Alternativen
Kohlenstoff ist auf der Erde der zentrale Baustein organischer Moleküle, weil er vielseitige Bindungen eingeht und stabile, komplexe Strukturen ermöglicht. Im Universum ist Kohlenstoff häufig, und daher bleibt er auch in vielen fremden Biochemien ein Hauptkandidat. Wissenschaftler diskutieren jedoch Alternativen wie Silizium und exotische Lösungsmittel, die unter bestimmten Bedingungen praktikable Optionen sein könnten.
Wasser ist hier das Lösungsmittel, das chemische Reaktionen erleichtert und Wärme puffert; es ist chemisch vielseitig und weit verbreitet. Auf kalten Monden wie Titan könnte Methan oder Ethan dieselbe Rolle übernehmen, wenn Reaktionen bei sehr niedrigen Temperaturen langsam ablaufen, aber dennoch stabil. Ebenso sind Ammoniak oder sogar flüssige Kohlendioxid in bestimmten Druck-Temperatur-Zonen denkbar.
Diese Alternativen ändern die Form von Makromolekülen, ihre Flexibilität und Temperaturtoleranz. Proteinoide und Polymere in einem Methanmeer würden andere Bindungsarten benötigen, weniger auf Wasserstoffbrücken angewiesen sein und wahrscheinlich deutlich langsamere Stoffwechselraten zeigen. Daraus folgen Ökosysteme mit langsamen Lebenszyklen und fein abgestimmten chemischen Kreisläufen.
Energiemechanismen: Licht, Chemie und Wärme
Die naheliegendste Energiequelle ist Strahlung vom Zentralstern; Photosynthese als Prinzip ist universell denkbar, aber die Ausführung hängt vom verfügbaren Spektrum ab. Rote Zwerge liefern lange Wellenlängen und kaum UV, während heiße Sterne mehr kurzwelliges Licht bieten; Pflanzenanaloge dürften Pigmente besitzen, die genau diese Spektren nutzen. Auf Planeten mit dichter Wolkendecke könnten Organismen sehr große, lichtfangende Strukturen entwickeln oder Licht intern leiten.
In lichtarmen oder unterirdischen Lebensräumen ist Chemosynthese die Alternative: Energie aus Redoxreaktionen von Mineralen oder Gasen. Auf der Erde leben Ökosysteme am Tiefseegraben, die rein chemisch angetrieben werden; analog könnten fremde Ökosysteme auf hydrothermalen Quellen oder in Gesteinsschichten existieren. Thermische Gradienten, radioaktive Zerfälle oder sogar superfizielle Reaktionen mit exotischen Atmosphärenbestandteilen bieten weitere Energiequellen.
Geothermie kann ganze Biosphären unabhängig vom Stern speisen, besonders auf Monden mit starker Gezeitenheizung. Solche Biotope wären räumlich begrenzt, dafür aber stabil über lange Zeiträume. Die Verbindung von Energiequelle, Verfügbarkeit von Nährstoffen und Abtransport von Stoffwechselabfällen formt die mögliche Vielfalt lebender Systeme.
Gravitation, Druck und Temperatur: Form und Größe unter anderen Bedingungen
Die Schwerkraft eines Planeten wirkt wie ein Bildhauer: Sie bestimmt, ob Lebewesen flach und breit oder hoch und stämmig gebaut werden. Auf sehr massereichen Welten drückt höhere Gravitation das Material dichter zusammen, was zu gedrungenen, kräftigen Körpern führen würde; hohe Schwerkraft begünstigt zudem Bodennah-Lebensformen und macht Flug seltener. Auf kleinen Himmelskörpern mit niedriger Gravitation entstehen zarte, filigrane Organismen und größere Flugkonstrukte.
Druck und Temperatur sind eng mit dem Aggregatzustand von Flüssigkeiten verknüpft; in dichten Atmosphären sind Schwimmen und Gleiten auf Gasen möglich, ähnlich wie Flug in der Luft. In superkritischen Ozeanen oder dichten Uratmosphären können Strukturen schwimmen, die weder Fisch noch Vogel auf der Erde gleichen. Extreme Hitze begünstigt thermostabile Moleküle und robuste Membranen, Kälte hingegen verlangsamte Stoffwechselwege und spezielle Cryoprotektoren.
Pflanzenanaloge: Energiegewinnung, Struktur und Wettbewerb
Die klassischen «Pflanzen» auf fremden Welten erfüllen primär drei Aufgaben: Energieaufnahme, Nährstoffaufnahme und Fortpflanzung. Wie sie diese Aufgaben lösen, hängt vom Licht und den Nährstoffverhältnissen ab; an dunklen Orten können sie großflächige Sammler werden, während sonnige Bedingungen kompakte, pigmentreiche Strukturen fördern. Pigmentvielfalt kann erstaunlich sein; statt Grün sind Blau-, Violett- oder Rotnuancen sinnvoll, je nachdem, welche Wellenlängen dominant sind.
Architekturen sind variabel: statt Blättern könnten Lichtleiter, poröse Schwämme oder transparente Kuppeln Licht in tiefer liegende Photosynthesegewebe transportieren. Manche Spezies könnten sich in Schichten organisieren und Licht in Wellenlängen umwandeln, die andere nutzen—eine Art biologische Wellenlängen-Transformation. Diese Zusammenarbeit schafft Mikroumgebungen, in denen unterschiedliche Organismen voneinander abhängen.
In nährstoffarmen Böden werden Pflanzenanaloge aggressive Wurzelnetzwerke oder symbiotische Lebensgemeinschaften mit chemoautotrophen Mikroorganismen entwickeln. Mykorrhiza-ähnliche Netzwerke könnten Nährstoffe tauschen oder Signale weiterleiten, womit ein unterirdisches Kommunikationsnetzwerk entsteht. Solche Netzwerke verändern Landschaften, indem sie Mineralien anreichern, Böden stabilisieren und Mikrohabitate schaffen.
Tieranaloge: Fortbewegung, Sinneswahrnehmung und Überleben
Tierische Gegenstücke brauchen Mobilität, Sensorik und Mechanismen der Interaktion. Fortbewegung hängt primär von Medium und Schwerkraft ab: In dichten Atmosphären ist Gleiten effizient, in dichten Flüssigkeiten schwimmendes Gleiten mit Flossen oder Ruderorganen. Auf trockenen, festen Oberflächen werden radial symmetrische Formen, flexible Segmente oder rollende Körper vernünftig sein, je nachdem, wie Energie und Material verteilt sind.
Sinneswahrnehmungen müssen sich an die Umgebung anpassen: Sicht ist nur dann nützlich, wenn Licht verfügbar ist; in dunklen Habitaten werden taktile, chemische oder elektrische Sinne dominieren. Elektrosensorik ist auf Planeten mit leitfähigen Medien denkbar, Magnetosensoren erlauben Orientierung in starken Magnetfeldern, und chemische Spürorgane können weite Entfernungen überwinden, wenn Duftstoffe stabil sind. Solche Sensoren formen Sozialverhalten, Jagdstrategien und Paarungsspielarten.
Fortpflanzung und Lebenszyklen passen sich an Ressourcenrhythmen an: Auf Planeten mit langen Jahreszeiten oder elliptischen Bahnen dominieren Strategien mit jahreszeitlicher Ruhe oder langer Latenz. Manche Tiere könnten in strengen Zyklen in Massenphasen vermehren, um Raubdruck zu überwinden, während andere kontinuierliche, langsamere Reproduktion bevorzugen. Diese Vielfalt zeigt, wie stark Umweltzyklen das Verhalten lenken.
Kommunikation, Intelligenz und soziale Systeme
Kommunikation entfaltet sich über Modalitäten, die in einem bestimmten Medium Sinn ergeben: Klang, Lichtblitze, chemische Wellen oder elektrische Felder. In dichten Atmosphären könnten infrasonische Signale weite Distanzen überwinden, in Flüssigkeiten dominieren hydrodynamische Wellen. Die Wahl des Kanals beeinflusst die Art der sozialen Organisation: schnelle, hochfrequente Signale fördern enge taktische Kooperation, langsame chemische Botschaften begünstigen stabile, generationsübergreifende Netzwerke.
Intelligenz ist kein Monolith; sie ist ein Bündel von Fähigkeiten zur Informationsverarbeitung und Problemlösung. Werkzeuge sind dort möglich, wo Manipulationsorgane vorhanden sind und Energie in hinreichendem Maße verfügbar ist. Gesellschaften formen sich besonders dort, wo Kooperation einen Überlebensvorteil bringt: gemeinsame Jagd, Arbeitsteilung beim Nährstoffabbau oder kollektive Fortpflanzung können zu komplexen Kulturen führen, deren Ausdruck außerhalb menschlicher Vorstellungskraft liegt.
Beispielhafte soziale Strategien
Arten mit langsamen Stoffwechselraten könnten auf langfristige soziale Strukturen setzen, während schnelle Metabolismen flexible, kurzfristige Bündnisse bevorzugen. Nomadische Gruppen entstehen dort, wo Ressourcen stark räumlich und zeitlich variieren; sesshafte Gesellschaften dort, wo Ressourcen konsistent verfügbar sind. Solche Unterschiede prägen Sprache, Symbolik und Technologiepotenzial der jeweiligen Spezies.
Ökosysteme und trophische Netzwerke
Ein Ökosystem ist kein Museum von Einzeltieren und Pflanzen, sondern ein dynamisches Geflecht von Energie- und Stoffflüssen. An der Basis stehen autotrophe Systeme, die Energie einfangen und Biomasse aufbauen; darüber entstehen Konsumenten, Zersetzer und Rekombinanten. Diese Rollen können auf fremden Welten anders verteilt sein: zum Beispiel könnten Mikroben große Mengen organischer Substrate herstellen, während größere Formen als mobile Nährstofftransportmittel fungieren.
In vielen Szenarien bilden sich Nährstoffkreisläufe, die Mineralien konzentrieren, organische Substanz recyceln und ökologische Nischen schaffen. Symbiosen sind wahrscheinlich allgegenwärtig, weil Kooperation oft effizienter ist als Wettbewerb allein. Beispiele von der Erde – Pflanzen mit Stickstoff-fixierenden Bakterien, oder Tier-Mikroben-Beziehungen – demonstrieren, wie ausgewogene Partnerschaften überlebenswichtig werden.
Extreme Lebensräume und ihre Bewohner
Eiswelten mit subsurface Ozeanen bieten Lebensräume, die völlig vom Sternenlicht isoliert sind und von geothermischer Energie abhängen. Hier könnten Gemeinschaften aus Chemolithotrophen, fleischfressenden Makroorganismen und filternden Kollektoren bestehen, ähnlich den irdischen Schwarzrauchern. Druckbeständige Strukturen, langsame Stoffwechselraten und ausgeklügelte Wärmespeicher sind typische Anpassungen.
Auf Titan-ähnlichen Monden existieren flüssige Kohlenwasserstoffe an der Oberfläche; Organismen in solchen Seen müssten chemisch kompatible Membranen und Enzymmechanismen besitzen, die in kalten Medien funktionieren. Diese Lebensformen wären wahrscheinlich sehr langsam, mit Stoffwechseln, die auf subtilen, langwierigen Reaktionen beruhen. Solche Ökosysteme erinnern daran, wie Zeitdimensionen das Leben formen können.
Gasriesen bieten eine ganz andere Welt: In den dichten, geschichteten Atmosphären solcher Planeten könnten schwebende Organismen existieren, die sich von Aerosolen, Photonen oder chemischen Gradienten ernähren. Ihre Körper könnten ballonartige Schwimmkammern, Widerhaken zum Festhalten in Aufwinden oder Ruderorgane zur Lagekontrolle besitzen. Diese aerobiotischen Lebensformen wären schwer direkt zu beobachten, aber sie stellen faszinierende ökologische Möglichkeiten dar.
Biotechnische und methodische Wege, Leben zu erforschen
Die Suche nach Leben basiert auf Signaturen: atmosphärische Gase, spektrale Reflexionen der Oberfläche, saisonale Variationen oder unerwartete Wärmeflüsse. Sauerstoff in Kombination mit Methan ist ein klassisches Beispiel dafür, wie Nicht-Gleichgewichtszustände auf biotische Prozesse hindeuten können. Gleichzeitig sind viele Interpretationen unsicher, weil anorganische Prozesse ähnliche Signale erzeugen können; daher sind multiple, unabhängige Indikatoren notwendig.
Laborexperimente mit Extremophilen und synthetischer Biologie erweitern unser Verständnis davon, was möglich ist. In eigenen Experimenten habe ich beobachtet, wie Kulturen unter extremen Salz- und Temperaturbedingungen erstaunliche Anpassungen zeigen; solche Arbeiten machen abstrakte Konzepte greifbar. Solche Versuche helfen, Hypothesen zu gewichten und mögliche Biosignaturen vorherzusagen.
Instrumente und Missionen: Wie wir fremdes Leben aufspüren
Weltraumteleskope analysieren Atmosphären durch Transit- und Emissionsspektroskopie, wobei Instrumente wie die James-Webb-Weltraumteleskop-Nachfolger oder spezialisierte Missionskonzepte entscheidend sind. Bodennahe Landemissionen und Orbitersonden liefern direkte Proben oder hochauflösende Bilder, die strukturelle Biosignaturen aufspüren können. Besonders vielversprechend sind kombinierte Ansätze: Fernerkundung identifiziert Kandidaten, die dann mit Landern gezielt untersucht werden.
Roboter mit messbaren Habitatsystemen, Bohrern für Eiskappen oder Probenentnahmesonden in Methanseen erweitern unser Instrumentarium. Wichtig ist die Entwicklung empfindlicher Lebensfinder, die sowohl chemische als auch mikrostrukturelle Merkmale analysieren können. Planung und ethische Abwägungen in solchen Missionen sind zentral, um Kontaminationen zu vermeiden und Probenintegrität zu sichern.
Signaturen, die man nicht übersehen sollte
Atmosphärische Zusammensetzungen, die dauerhaft aus dem chemischen Gleichgewicht herausfallen, sind starke Indizien für aktive Prozesse. Pigmentkleckse auf Oberflächen, regelmäßig wiederkehrende Vegetationszyklen oder ungewöhnliche Texturen in Sedimenten können Oberflächenbiosignaturen bilden. Auch thermische Hotspots, die sich nicht mit geologischen Erklärungen decken, bleiben auf der Liste interessanter Phänomene.
Ein weiteres Feld sind direkte Interaktionen mit Technik: exotische Metalle in ungewöhnlichen Anordnungen oder elektromagnetische Emissionen, die sich nicht geologisch erklären lassen, könnten auf technologische Aktivitäten hindeuten. Diese «Technosignaturen» sind kontrovers, aber sie erweitern das Spektrum dessen, wonach wir suchen. Eine offene, allerdings kritische Herangehensweise ist hier geboten.
Ökologische Stabilität und das Zeitmaß von Evolution
Evolution braucht Zeit, aber sie verläuft dort anders schnell, wo Reproduktionsraten und Mutationshäufigkeit variieren. In kalten Welten mit langsamen Stoffwechseln kann sich evolutionäre Veränderung über sehr lange Zeiträume entfalten; dynamische Milieus mit hohem Stress fördern hingegen schnelle Anpassungen. Daraus ergibt sich ein vielfältiges Spektrum an Entwicklungswegen und Komplexitätsgraden.
Ökologische Stabilität hängt von Resilienzmechanismen ab: Diversität, Redundanz in Funktionen und Mobilität sorgen dafür, dass Systeme Schocks abfedern. Einige fremde Ökosysteme könnten extrem stabil sein und nur langsam auf Änderungen reagieren, andere sehr empfindlich und darum schnell wandelbar. Diese Eigenschaften beeinflussen auch die Wahrscheinlichkeit, dass komplexe Intelligenz entsteht.
Ethik und Umgang mit fremdem Leben
Schon die Erwartung, fremde Lifecycle zu entdecken, wirft ethische Fragen auf: Schutz von Ökosystemen, Vermeidung von Kontamination und Respekt vor nichtmenschlichem Leben gehören ins Zentrum der Planung. Auf der Erde haben wir gesehen, wie leicht fragile Lebensgemeinschaften gestört werden können; dieses Erkenntnis sollten uns bei der Erforschung fremder Biotope leiten. Internationale Vorgaben und wissenschaftliche Selbstverpflichtungen sind notwendig, um irreversible Schäden zu vermeiden.
Als Autor bin ich durch Feldforschung sensibilisiert worden: Ein einmal geplanter Eingriff lässt sich selten rückgängig machen. Diese Erfahrung prägt meine Haltung: Neugier darf nie über die Pflicht zur Fürsorge siegen. Der Umgang mit fremden Ökosystemen sollte vorsichtig, transparent und interdisziplinär erfolgen.
Kulturelle Wirkung außerirdischer Lebensbilder
Die Vorstellung fremder Flora und Fauna beeinflusst Kunst, Literatur und Wissenschaft gleichermaßen. Geschichten malen häufig extrem dramatische Lebensformen, doch am faszinierendsten sind die plausiblen, leisen Varianten, die natürliche Prinzipien kreativ umsetzen. Solche Bilder erweitern unser Selbstverständnis, weil sie uns vor Augen führen, wie sehr unsere Lebensform an planetare Bedingungen gebunden ist.
Als Leser und Autor erlebt man beim Entwerfen solcher Szenarien eine Mischung aus Wissenschaft und Empathie: Man versucht, sich in fremde Bedürfnisse und Wahrnehmungen hineinzuversetzen. Diese Übung schärft das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge auch auf der Erde und regt an, Nachhaltigkeit neu zu denken. Fremde Lebensformen sind damit nicht nur Spekulation, sondern Reflexionsfläche für uns selbst.
Konkrete Beispiele: plausible Lebensbilder

Auf einem Planeten mit roten Sternen könnte eine «Wiese» von niedrigwüchsigen, blauen Teppichpflanzen bestehen, die langwelliges Licht absorbieren und dabei Wärme speichern. Tiere, die sich über diese Teppiche bewegen, wären wahrscheinlich flach und breit, um Wärme zu verlieren und die Bodenbewegung effizient zu nutzen. Solche Landschaften wären ruhig, mit langsam fließenden Stoffwechselzyklen.
In einer Welt mit dichten, giftigen Atmosphären könnten fliegende Colonieformen leben, deren Membrane giftige Gase filtern und metabolisch nutzen. Diese Organismen könnten wie Seefahrer in der Luft strömen, Nährstoffe sammeln und in Massen schweben. Ihre Lebensweise verändert die Chemie der Atmosphäre und schafft Nischen für spezialisierte Konsumenten.
Subsurface-Ozeane unter Eiskrusten könnten Kolonien von Filterfressern beherbergen, die Nährstofffäden aus chemischen Quellen ziehen, ähnlich wie Seefedern. Diese Gemeinschaften wären isoliert, spezialisiert und extrem anfällig gegenüber Störungen, aber über lange Zeit erstaunlich stabil. Ihre Entdeckung würde unsere Vorstellungen von habitablen Zonen erweitern.
Tabelle: kurze Vergleichsliste möglicher Habitattpyen
Die folgende Tabelle fasst typische Lebensräume und erwartbare Anpassungen knapp zusammen:
| Habitat | Energiequelle | Wahrscheinliche Anpassungen |
|---|---|---|
| Subsurface-Ozean | Geothermie, Chemosynthese | Druckresistente Membranen, langsamer Stoffwechsel, Filterstrategien |
| Titan-ähnliche Methanseen | Chemische Reaktionen in KWs | Funktionierende Chemie bei Tieftemperatur, langsame Reproduktionszyklen |
| Dichte Atmosphären | Photonik, Aerosole | Schwebende Körper, große Auftriebsstrukturen, Lichtkonversion |
| Steile, heiße Vulkangebiete | Geothermie, chemische Gradienten | Thermostabile Enzyme, Mineralnutzen, schnelle Reaktion auf Fluktuationen |
Wie Forscherinnen und Forscher Hypothesen testen

Laborstudien reproduzieren Bedingungen fremder Welten, um zu sehen, welche Moleküle stabil sind und welche Reaktionen laufen können. Diese Experimente bilden die Grundlage für Theorien über mögliche Stoffwechselwege und Membranstrukturen. Feldbeobachtungen von Extremophilen auf der Erde dienen als lebende Modelle, die Hypothesen entweder stützen oder widerlegen.
Computersimulationen ergänzen die Praxis, indem sie komplexe Ökosystemdynamiken und Klimabedingungen durchrechnen. Solche Modelle zeigen, ob vorgeschlagene Lebensformen Energie- und Nährstoffkreisläufe nachhaltig aufrechterhalten könnten. Interdisziplinäre Teams – aus Biologie, Chemie, Geologie und Physik – sind dabei unverzichtbar.
Grenzen unserer Vorstellungskraft und die Notwendigkeit von Bescheidenheit

Unsere Modelle beruhen auf irdischem Wissen; deshalb besteht die Gefahr, fremdes Leben durch eine irdische Brille zu sehen. Bescheidenheit gebietet, Hypothesen offen zu halten und nicht vorzeitig zu schließen. Jede Mission, jedes Experiment erweitert die Datengrundlage und zwingt uns, Theorien anzupassen.
Diese Haltung bedeutet nicht, dass alle Spekulationen gleich plausibel sind; robuste Hypothesen brauchen physikalische und chemische Plausibilität. Aber sie ermutigt dazu, kreativ zu bleiben und auch weniger intuitive Lösungen ernsthaft zu prüfen. Wissenschaft lebt vom steten Abgleich von Vorstellung und Messung.
Ein Blick auf kommende Jahrzehnte
Neue Teleskope, detailliertere Missionspläne und Fortschritte in der synthetischen Biologie werden unsere Fähigkeit, fremdes Leben zu erkennen, dramatisch erhöhen. Projekte zur Probenrückführung von Monden oder konzentrierte Atmosphärenstudien von Exoplaneten stehen auf der Agenda vieler Raumfahrtbehörden. Parallel dazu wachsen die Laborkapazitäten, um hypothetische Chemien experimentell zu simulieren.
Mit jedem technischen Schritt wachsen auch die ethischen Anforderungen und die Notwendigkeit internationaler Kooperation. Die Erforschung fremder Biologien wird interdisziplinär, international und vorsichtig erfolgen müssen, wenn sie nachhaltig bleiben soll. Die kommenden Jahrzehnte versprechen Erkenntnisse, die unsere Vorstellung vom Lebendigen weiter verändern werden.
Abschließende Gedanken und Einladung zur Beobachtung
Die Vorstellung von außerirdischer Flora und Fauna ist mehr als reine Fiktion: Sie ist Probehandeln für wissenschaftliche Neugier und ethische Verantwortung. Beim Schreiben dieser Zeilen denke ich an jene stillen Stunden im Feld, wenn ein unerwarteter Fund die Perspektive ändert; dieselbe Überraschung erwartet uns vielleicht auch im All. Wer aufmerksam schaut, erkennt Muster, die uns leiten können—egal ob im Moor, in einem Museum oder in der Spektralanalyse eines fernen Planeten.
Unsere Suche nach fremden Lebensformen ist eine Reise in die eigene Verwurzelung: Sie zeigt, wie sehr Leben an Ort gebunden ist und wie zahlreiche Lösungen möglich sind. Bleiben wir neugierig, prüfen wir jede Spur sorgfältig und handeln wir verantwortungsvoll gegenüber dem, was wir finden könnten. So öffnet sich nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Denken für ein größeres Bild des Lebendigen im Universum.
